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Dortmund Endstation Edewecht Feldpostbriefe 5.3.1944 – 4.3.1945 Wilhelm Singer Geboren am 5.3.1926 in Dortmund Gefallen im April 1945 in Süddorf Ein Beitrag zur Geschichte unserer Heimat Einleitung Fünfundfünzig Jahre nach Kriegsende erwarb ich eine Nachlasssammlung von Wilhelm Singer. Sie zeigt Schicksale, wie sie der Krieg vielen Namenlosen auferlegte. Diese sollen Briefe uns mahnend in Erinnerung rufen, wie sinnlos der Krieg war. Wer war Wilhelm Singer? Wilhlem Singer war Matrose (Dienstgrad). Geboren ist Wilhelm Singer am 5.3.1926 zu Dortmund. Er war Katholik. Im Soldbuch ist er als Schreiber eingetragen (kein Beruf). Seine Marine Stammrollen-Nr. ist 88916144d. Er gehörte der Marine-Festungs-Btz. Nr. 364 1.Kompanie an. Er war in Nienburg an der Weser, wo er auf der Mar-Sanritus-Schule war. Wilhlem Singer hat eine Schwester mit dem Namen Elisabeth. Unheimlich ist die Kraft der Toten. Mann kann sie verdammen, man kann sie vermessen. Die eigenen Toten sogar zu vergessen, Doch einmal – in der Zeiten Lauf – Stehen die Toten in Eueren Kindern auf! (Ward Hermans, 1946)
RAD, den 11.3.1944 Liebe Eltern! Der wöchentliche Brief wird diesmal bereits am Sonnabend geschrieben, denn morgen möchte ich ausgehen. Ich hoffe, dass Ihr inzwischen meine Karte vom Mittwoch und den Brief vom 5. erhalten habt. Heute haben ich Euch etwas Wichtiges zu erzählen. Es wurden bereits mehrfach Freiwilligenwerbungen hier durchgeführt, so auch vorgestern eine und zwar von der Kriegsmarine. Kurz und gut, ich habe mich als “Reserve-Sanitäts-Offiziers-Bewerber” zur Kriegsmarine gemeldet. Es war uns außerdem die Möglichkeit gegeben, uns als Ingenieur, Offizier oder See-Offizier (für mich als Brillenträger kam das nicht in Frage) zu melden. Kurz der Werdegang des Res.-San.-Offiziers der Kriegsmarine, wie er uns geschildert wurde. Vorausschicken möchte ich, dass wahrscheinlich immer noch stark gesiebt wird und dass wahrscheinlich viele Möglichkeiten vorhanden sind, auszuscheiden bzw. ausgeschieden zu werden. Außerdem glaube ich natürlich, dass uns die Laufbahn etwas idealisiert geschildert wurde, als Lockmittel. Nun will ich erst einmal anfangen! Ich werde erst einmal, vielleicht noch während meiner RAD-Zeit, zu einer 3tägigen Prüfung nach Stralsund oder Wien einberufen. Dort wird erst einmal entschieden, ob ich angenommen werde. Die erste Falle! Falls ich bestehe, werde ich nach meiner RAD-Zeit (Beendigung am 1. Mai rund) am 1. Juli eingezogen. Es folgt eine 6monatige Grundausbildung als Infanterist und Matrose. Dann Spezialausbildung als Sanitäter, Einsatz auf einer Kriegsschiffeinheit oder im Lazarett. Nach einiger Zeit Abkommandierung zum Studium als Arzt. Dadurch, dass ich mich zu dieser Laufbahn gemeldet habe, habe ich mich gleichzeitig zu dem späteren Beruf des Arztes entschlossen. Ich hätte mich auch als aktiver Marine-Arzt melden könne, aber das möchte ich nicht. Nun kommt noch etwas Wichtiges. Die Kosten für das Studium des Reserve-Offiziers muss dieser selbst aufbringen. Der aktive Arzt bekommt die Kosten teilweise oder sogar ganz vom Staat erstattet. Lieber Vater, man wird Dir nun ein Formular zuschicken in dem Du unterschreiben sollst, ob Du gewillt bist, die Kosten für das Studium aufzubringen. Wenn Du nun mit der ganzen Sache nicht einverstanden bist, brauchst Du nur diesen Zettel nicht zu unterschreiben. Entscheidend für mich war: Es war immer mein Wunsch, zur Marine zu kommen. Ich kann während des Krieges mein Studium beginnen und vielleicht sogar beenden.Bleibe ich irgendwo hängen, so schadet das auch nicht viel Der Schluss vom Brief fehlt
Mein lieber Vater! Ich möchte Dir in diesem Brief zu Deinem Namenstage am Sonntag gratulieren und die herzlichen Glückwünsche und Segenswünsche senden. Entschuldige bitte, dass ich das auf einen einfachen Briefbogen mache, ich habe jedoch keine Glückwunsch-Karte, darauf kommt es wohl nicht an. Zu erzählen habe ich sonst nichts Neues. Es herrscht hier ein ansehnlicher Schneesturm, man fühlt sich fast auf Russlands Fluren versetzt. Infolgedessen werden wir immer in Autobusse verladen und in irgendwelche Gegenden gefahren, um auf den Landstrassen meterhohe Schneewehen zu beseitigen. Das ist bei dem Sturm wohl ziemlich hartes Arbeiten, aber es hat auch Vorteile. Es gibt dann nämlich öfters des Abends einen Grog. Wie Ihr seht, geht es mir also gut. Lieber Vater, grüße bitte Mutter Oma und Elisabeth von mir und sei auch Du herzlich gegrüßt von Deinem Sohn Wilhelm Nienburg, den 28.2. 45 Meine lieben Eltern, liebe Elisabeth! Heute bin ich schon über 6 Wochen hier, man soll es gar nicht meinen, wie schnell die Zeit vergeht. Nun werde ich voraussichtlich noch 14 Tage hier sein. Wollen mal sehen, wohin es dann geht. Erst geht es sicherlich wieder in eine Durchgangskompanie, und dann komme ich vielleicht in den Ort meiner ersten Tätigkeit. Über den Dienst hier habe ich schon einmal kurz geschrieben. Wecken 6 Uhr, Unterrichtsdienst von 7 bis 12 Uhr, Mittagspause, Unterrichtsdienst von 13 bis 17 Uhr, Abendessen, Arbeitsstunde von 18 bis 19 Uhr, Zeugdienst bis 20 Uhr. Um 19 bis 19:30 Uhr erfolgt nun schon seit einigen Wochen Fliegeralarm, Dauer bis gegen 21:30 Uhr. 22 Uhr ist “Ruhe im Schiff”. Das Wetter ist hier wohl genau wie bei Euch. Der Schnee ist in den letzten Tagen weggetaut und es ist wärmer geworden. Der Tommy kommt ab und zu auch mal und schießt ein bisschen, aber Bomben sind hier wohl noch nicht gefallen, gesehen habe ich noch nichts. Nienburg ist ja auch nur von 15 000 Einwohnern bewohnt. Sehenswürdigkeiten gibt es keine, die Häuser sind größtenteils Fachwerkbauten. Die Weser kann ich von meinem Stubenfenster aus sehen. Mit der Bevölkerung herrscht ein gutes Einvernehmen, wie das ja sonst leider nicht in allen Städten der Fall ist. Uns wie steht es bei Euch? Musst Du eigentlich arbeiten, oder ist in Dortmund alles in Unordnung, sodass niemand mehr darauf achtet? In der Hoffnung, dass bei Euch alles in Ordnung ist und dass Ihr alle gesund und wohlauf seid, grüße ich Vater und Mutter und besonders Dich, meine liebe Elisabeth recht herzlich Dein Wilhelm
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