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Leutnant Jung. Gefallen für Großdeutschland Drucken E-Mail
Geschrieben von: Steuerwald Markus   
Montag, den 26. Januar 2009 um 12:22 Uhr

Vorwort
Im Sommer 1988 konnte ich von einem Arbeitskollegen und Sammlerfreund einen Karton mit Briefen und Belegen aus dem Zweiten Weltkrieg für ca. 200 Mark/DDR kaufen.
Er wiederum erwarb diesen inhaltsvollen Karton von einem jungen Mann, der auf dem Automarkt am Berliner S-Bahnhof Grünbergallee einen PKW "Golf" verkaufte.
Das Sammeln von Feldpostbriefen war in der damaligen DDR verboten. Nach Sichtung aller Unterlagen, einschließlich der ca. 550 Briefe, wuchs mein Interesse an dem hier dokumentierten Schicksalsweg einer thüringischen Familie während des Zweiten Weltkrieges.
Der Vater, Willi Jung, arbeitete als Werkzeugmacher bei der Fa. Sauer & Sohn in Suhl; die Mutter, Ida Jung, war Hausfrau. Ihr Sohn, Gerhard Jung, wurde am 16.November 1922 in dem kleinen thüringischen Ort Suhler Neundorf (heute zu Suhl eingemeindet) geboren. Ein Gesetz zwang ihn am 7.2.1941 zur Ableistung des Reichsarbeitsdienstes, obwohl er seine kaufmännische Ausbildung bei der Fa. Dornheim in Suhl noch nicht beendet hatte.

 


Brief-Auszug


Suhl, den 19.4.1942 Brief 25

Lieber Gerhard!
Schreibe heute einen längeren Brief; nimm Dir Zeit und lese ihn mit Bedacht.
Am Donnerstag waren die Eltern von Heinz Kolb bei uns und wollten die dreißig Bilder sehen. Sie erzählten dann, was Heinz geschrieben hatte, u.a. auch, daß er und Du und noch ein dritter Kamerad zu Offiziers -Anwärter vorgeschlagen seien. Kolb habe aber abgelehnt, da er für später andere Pläne usw. habe. Du hast davon noch kein Wort geschrieben und nehme ich an, daß Du auch davon nichts wissen willst.

Will Dir nun mal meine Meinung dazu mitteilen. Habe es mir gründlich überlegt und muß Dir sagen, daß Du den Vorschlag annehmen sollst, zumal es keine freiwillige Meldung von Dir ist, (soviel ich weiß) sondern der Vorschlag von der Truppe gekommen ist. Ich habe hier mit verschiedenen zum Teil ältere Soldaten der neuen Wehrmacht darüber gesprochen, die alle der Meinung waren, daß man einen solchen Vorschlag unbedingt annehmen soll. Du brauchst ja nicht Dein Leben lang Soldat zu spielen, denn im allgemeinen werdet Ihr nur in solchem Falle zu Reserveoffiziere herangebildet und erst später bei Eignung als aktive Offiziere übernommen. Ich weiß ganz genau, daß jetzt Euer Aller Ansicht und Meinung ist, so bald wie möglich vom Barras fortzukommen und dem Militär den Rücken zu kehren. Aber Du mußt ja so oder so Deine Zeit abdienen und die kann einige Jahre dauern. Da ist es doch bestimmt besser, ich diene als Offiziersanwärter bzw. als Offizier als im anderen Falle im Mannschaftsstande als Landser oder mal als Gefreiter. Du mußt dabei alle kleinlichen Bedenken zurückstellen, als da ist: Trennung von den jetzigen Kameraden (gute Kameraden findest Du überall wieder) ferner Angst vor strammem Ausbildungsschliff, (auch das geht vorüber) Bequemlichkeit vor dem Lernen, Kameraden, die Dir davon abreden (Kolb usw.) und was weiß ich sonst noch. Demgegenüber hast Du auch wieder den Vorteil: Du kannst zurück nach Deutschland zum Kursus, Urlaubsmöglichkeiten, hast, wenn Du zwischendurch mal an die Front kommst, die Gewißheit, nach kurzer Zeit wieder zurückzukommen zum Lehrgang, wirst schnell befördert, und schon als Unteroffizier wirst Du schon wieder Annehmlichkeiten haben, welche Du jetzt als Landser nicht hast
.
Ich bin gewiß nicht ein ausgesprochener Streber nach Titel und Ruhm, aber etwas Ehrgeiz muß man doch haben, ohne welchen man nun einmal im Leben nicht auskommt, wenn Du nicht ewig ein gewöhnlicher Arbeiter bleiben willst! Du weißt ja selbst, daß schon vor dem Weltkrieg und vor allem während des Weltkrieges der Mensch erst beim Leutnant begann! Und heute wirst Du als Offiziersanwärter oder gar als Offizier doch ganz anders angesehen und geachtet als Landser oder wenn es gut geht als Unteroffizier, selbst wenn Du jetzt beim Beginn der Lehrgänge feste als Landser angeschnauzt wirst. Dies geht, wenn's auch manchmal schwer fällt, rasch vorüber und ändert sich sehr schnell!! Sobald Du Dir mal Mühe gibst und nicht zu sehr auffällst, werdet Ihr bald Unteroffiziere sein, und dann hat schon die größte Qual ihr Ende. Ich weiß, daß die Lehrgänge anstrengend sind und Du natürlich lernen mußt, aber das ist überall nicht anders. Ich habe meine Meisterprüfung auch nicht im Schlaf gemacht und erst viel lernen müssen.

Sage Dir vor allem immer das Eine: Die Zeit rastet nicht, sie vergeht, und alles nimmt mal ein Ende! Heute und vor allem erst nach dem Kriege ist der erste Mann im Staate der Soldat und vor allem der Offizier und der Reichsbeamte. Du kannst nach dem Kriege immer noch als Soldat abtreten, wenn Du absolut keine Lust mehr haben solltest. Das wird sich später alles noch finden. Jedenfalls hast Du jetzt bestimmt eine große Chance in Deinem Leben, und ich rate Dir bestens, diese auszunutzen!! Du kannst ja den Vorschlag noch annehmen, auch wenn Du den ersten abgelehnt haben solltest, mit der Begründung, daß Du erst Deine Eltern in Kenntnis gesetzt hast und nach Rücksprache mit ihnen, die Sache anders überlegt hast.

Lieber Gerhard, Du kannst versichert sein, daß wir nur Dein Bestes wollen und im Auge haben. Ich habe bestimmt einen großen Teil an Lebenserfahrungen und betrachte im Leben alles von jeder Seite und erwäge, was bei Euch in Euren Jahren noch nicht der Fall ist. Ich war auch mal neunzehn Jahre und weiß wie leicht und schnell man da über Dinge urteilt und hinweggeht. Mir fehlte damals manch wohlgemeinter väterlicher Rat, was ich manchmal bitter spüren mußte.
Man muß nicht nur in der Gegenwart leben, sondern auch an die Zukunft denken. Erinnerst Du Dich noch, als Du in der Schule französisch lernen solltest? Andere Schüler wollten diese Sprache nicht mit lernen, und Du wolltest auch nicht, wahrscheinlich aus augenblicklicher Bequemlichkeit nicht. Ich ließ aber nicht locker, und Du lerntest doch französisch. Und heute? Bereust Du es heute, daß Du es gelernt hast oder hat es Dir geschadet. Sicherlich doch nicht. Könnte Dir noch mehr dazu sagen, aber der Brief würde dann ein kleines Buch werden.
Ich fasse zusammen: Ich gebe Dir den guten Rat, den Vorschlag anzunehmen zum Nutzen für Dich selbst.
Ich kann und will Dich nicht dazu zwingen, aber ich lege Dir ans Herz, meinen wohlgemeinten und wohlüberlegten Rat zu befolgen. Jeder ist ja schließlich selbst seines Glückes Schmied! Du kannst versichert sein, daß ich Dir wie immer auch für später stets mit Rat und Tat zur Seite stehen werde und daß Dein bester Kamerad Dein Vater ist.
Hoffe in dieser Sache bald mal etwas von Dir zu hören und schließe nun mit den besten Grüßen
Dein Vater

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 16. Februar 2009 um 15:15 Uhr
 

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